Profitipp: So vergeigst Du klassische Musik auf Social Media

//Profitipp: So vergeigst Du klassische Musik auf Social Media

Profitipp: So vergeigst Du klassische Musik auf Social Media

Die Kluft zwischen Anspruch der Künstler und User Experience auf sozialen Plattformen ist nicht neue. Ein klassisches Musikstück gehorcht halt nicht den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie. Heißt, es dauert meist deutlich länger als neun Sekunden, bis das Thema einsetzt – und da sind auf Facebook schon 90 Prozent der User abgesprungen.

1. Du fragst die Künstler einfach gar nicht erst

In vielen Konzerthäusern ist die Social-Media-Arbeit ein Zusatzfunktion der bereits völlig überlasteten Stabsstelle für Kommunikation. Neben Pressemitteilungen, Sonderausstellungen und Saisonbroschüren schiebt die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit auch schnell noch einen Copy-and-Paste-Tweet raus oder fotografiert das Plakat der nächsten Spielzeit. Wenn sie alles gibt, dann gibt es auch noch einen Smiley im Antexter dazu.

Da ist es kein Wunder, dass in den Verträgen mit Künstlern und Musikern keine Rede von Social Media ist. Das bedeutet dann, dass alles, was die Künstler für das Haus tun, ein Gefallen ist. Und dafür fehlt dann einfach häufig die Zeit. Würde sich in den Verträgen aber eine Klausel finden, die Künstler zur Mitwirkung an Social-Media-Produktionen verpflichtet, so könnten die Künstler auch dazu gebracht werden, den erstellten Content über ihre eigenen Kanäle zu teilen. Bei bekannten Künstlern ein enormer Reichweitegewinn.

2. Du stellst das Label „Klassik“ auf einen Sockel und schirmst sie von der Welt ab

Die Zeiten der heiligen Klassiker ist vorbei.  Kulturelle Geschmäcker differenzieren sich immer weiter. Händel und Ed Sheeran sind kein Gegensatz mehr und viele junge Menschen meiner Generationen hören „Don’t look back in anger“ von Oasis genauso gerne wie das „Lacrimosa“ aus dem Mozart-Requiem. Für uns ist klassische Musik Teil eines Lebensgefühls, aber nicht unbedingt Mittel zur Distinktion. Natürlich grenzen wir uns dadurch ab, dass wir gerne mit lauter Über-70-jährigen in kalten Kirchen sitzen, aber auf der anderen Seite würden wir im Club nicht weiter auffallen.

Wir leben in einer postmodernen Welt, die wir mit Selbstironie und einer guten Portion Zynismus verarbeiten. Also tut nicht so, als sei klassische Musik heilig, entrückt, perfekt und – so kommt es mir manchmal vor – unmenschlich ernst. Traut euch witzig zu sein – und damit meine ich keinen Hochkulturhumor à la „Hipper Influencer dirigiert die Wiener Philharmoniker“ sondern eine tiefe, menschliche Authentizität. Spielt im Internet nach den Regeln des Internets. Und das Internet will unvorteilhafte GIFs, überemotionalisierte Selfies, schlechte Tonqualität und Katzen in Geigenkoffern.

3. Du lässt die Zuschauer draußen vor dem Vorhang, still in der Dunkelheit.

In klassischen Konzerten – sei es im Dortmunder Konzerthaus oder der Mailänder Scala – fühle ich mich häufig komplett austauschbar. Dem Künstler ist es häufig egal, wer dort vor ihm sitzt. Ähnlich verhält es sich auf Social Media. Die Künstler und Agenturen sind die Sender und wir, das Publikum, die Empfänger. Was wäre aber, wenn ich mal etwas zurückgeben könnte? Eine Meinung zum letzten Konzert vielleicht. Oder meine Playlist mit den 5 Lieblingsstücken aus den 5 letzten Alben des Künstlers? Ganz im Ernst: Social Media macht doch erst dadurch soviel Spaß, dass man auf viele gleichgesinnte trifft und mit ihnen fantastische Stunden verbringen kann. Gebt mir Anlässe dafür, liebe Konzerthäuser, sonst verbringe ich meine Zeit online woanders.

Be smart: Paragrafensicher, Selbstironisch, Partizipativ. So kann es klappen, mit der klassischen Musik auf Social Media.

Diese Gedanken entstanden assoziativ während einer Session auf dem Startcamp Köln-Bonn im Oktober 2018. Ich danke für den Input von Andreas Bindzus, Giselle Ucar, Barbara Volkwein, Vera Scory-Engels, Constanze Pielaski und allen Teilnehmenden der Session.

By |2018-10-21T12:01:40+01:00Oktober 20th, 2018|Projekte|0 Comments

About the Author:

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: