Enttäuscht vom Menschen Wilhelm Kempff

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Enttäuscht vom Menschen Wilhelm Kempff

WDR Zeitzeichen
Der Todestag des Pianisten Wilhelm Kempff

Gerade, wenn man viel mit klassischer Musik zu tun hat, dann begegnen einem ständig die „Helden der letzten Generation“. Diese und jene Aufnahme mit Karajan, Gieseking oder Fischer-Dieskau: „Wie, kennst Du nicht? Oh…“

Musikwissenschaftler und Journalisten haben sie im letzten Jahrhundert zu Göttern gemacht, zu einem hirstorischen Berg, der uns Nachgeborene nun überrollt. Um aufzuholen, tun wir zwar, was wir nur können – glaubt ihr wirklich, die ganzen jungen Leute in der U-Bahn haben nur aus Spaß die Kopfhörer drin? – aber Ahnung haben wir keine, weil wir uns die ganzen Namen von Menschen, die wir nie gesehen haben, nicht merken können.

„Größter“, „wichtig“ und „bedeutend“ sollen die Wegweiser sein, die uns durch dieses Geröll an Tonbändern, Schallplatten, Musikkasetten, CDs, MP3-Dateien, Streams führen sollen. Natürlich steckt da viel Strategie der Leute hinter, die das Zeug verkaufen müssen. Es ist aber auch viel die Sehnsucht und verzweifelte Suche nach Helden, Vorbildern und Instanzen.

Ein weiser, alter, agnostischer Mann sagte mir mal, klassische Musik sei sein „Gottesdienst“ – das Zeug ist auch ein lohnender Lebensinhalt, der sich mit den wirklich großen Fragen beschäftigt.

Diese Fragen stellt nicht nur die Musik. Auch die, die sie machen, die den „toten Ton beleben“. Ich habe mich mit einem der „größten“, „wichtigsten“ und „bedeutensten“ Pianisten des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Und bin am Ende enttäuscht. Nicht von dem Künstler. Sondern von dem Menschen Wilhelm Kempff.

By | 2016-10-29T19:27:11+00:00 Mai 23rd, 2016|On Air|0 Comments

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